80 Jahre nach Kriegsende laden die Literaturtage an der Neiße zur Reflexion über die Folgen des Krieges für Deutschland, Polen und Mitteleuropa ein. Die materiellen Folgen sind bis heute in vielen Städten und Regionen sichtbar, die immateriellen Nachwirkungen lassen sich dies- und jenseits der Oder und Neiße in beinahe jeder Familiengeschichte aufspüren.
Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg prägten lange das Leben der Überlebenden. Gefühle von Scham und Schuld führten dazu, dass viele von ihnen nach Kriegsende für Jahrzehnte verstummten. Erst die Nachgeborenen konfrontierten sie und sich selbst mit Fragen nach der Vergangenheit. Aus der einstigen Sprachlosigkeit der Eltern und Großeltern entstand Literatur.
Was im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg lange nicht artikulierbar und nicht beschreibbar schien, beschäftigt seitdem deutsche und polnische Autorinnen und Autoren. Für Gespräche und Begegnungen mit ihnen gibt es keinen passenderen Ort als Görlitz-Zgorzelec, eine Stadt, die heute an der deutsch-polnischen Grenze liegt und deren Nachkriegsgeschichte von vielen Mythen geprägt ist. Die diesjährigen Literaturtage an der Neiße wollen den vielfältigen Erzählungen in Bezug auf das deutsch-deutsche und das deutsch-polnische Verhältnis Raum geben.